Menschliche Abgründe - Rezi zu "Angerichtet"

Ich bin der festen Überzeugung: Die besten Bücher, liest man auf Empfehlung.

Und ich rede hier nicht von dem, was mir die Buchhändler zu Hause versuchen anzudrehen.

(Immer die üblichen Verdächtigen, immer die aktuellen Bestseller. "Muss man gelesen haben", ja ja. )

Nein, ich rede von Freunden und Bekannten, die dir entweder Mails schicken, oder dir besagtes Buch einfach in die Hand drücken.

So geschehen bei:


Autor: Hermann Koch
Titel: Angerichtet (Het Diner)
Seiten: 320 Seiten, Paperback
Verlag: KIWI (11/11)
ISBN: 978-3-462-04347-1
Presi: 9,99€

Leseprobe gibt es HIER




Inhalt:

Zwei Ehepaare – zwei Brüder und ihre Frauen – haben sich zum Essen in einem Spitzenrestaurant verabredet. Sie müssen über ihre Söhne sprechen, Michel und Rick. Die beiden Fünfzehnjährigen haben etwas getan, was ihr Leben für immer ruinieren kann. Mit unglaublicher Raffinesse und großem Sprachwitz erzählt Herman Koch eine Geschichte von bedingungsloser Liebe, Gewalt und Verrat. Nach und nach nur werden die wahren Abgründe und Motive der Personen sichtbar, ständig wird der Leser herausgefordert, sein moralisches Urteil neu zu fällen.

Titel/Cover:

Wenn ich das Buch im Laden gesehen hätte, ich wäre eiskalt daran vorbeigelaufen. Titel und Cover deuten auf einen "Kochroman" vielleicht auch einen "Kochkrimi" hin.

Im Sternerestaurant von XY stirbt ein Mann beim essen einer Bratwurst an Fischvergiftung, der Koch ermittelt auf eigene Faust.

Meine Güte, was für ein Buch wäre mir entgangen!
Dont judge a book by it´s cover, nie war das wahrer, als bei Angerichtet.

Aufbau:

Das Buch ist in Gängen aufgeteilt.

Apperetiv
Vorspeise
Hauptgericht
Desert
Digestif
Trinkgeld

Der Ich-Erzähler (Paul) ist der Vater von Michel.
Er und seine Ehefrau treffen sich mit Pauls Bruder (Serge) und dessen Ehefrau in einem Restaurant.

"Wir müssen über unsere Söhne reden".

Denn Michel und Rick (Serges Sohn) haben etwas Unvorstellbares getan. Etwas, an dem nicht nur die aufstrebende Politkarriere von Serge zu zerbrechen droht.

Was das genau ist, werde ich hier nicht verraten, das würde zu viel vornweg nehmen, aber ihr könnte davon ausgehen, dass es sich hier nicht um Peanuts handelt.

Figuren:


Paul der Erzähler, startet als Normalo. Für mich war er, bis Mitte der Vorspeise, ein normaler Typ mit ein paar Minderwertigkeitskomplexen, der vieles zu ernst nimmt und Dinge manchmal (immer?) überbewertet.

Seinen Bruder Serge zeichnet der Ich-Erzähler in den dunkelsten Farben. Ein aufgeblasener, scheinheiliger, mediengeiler Hypster, auf dem verlogenen Weg nach ganz oben.

Doch ab Mitte der Vorspeise, beginnt dieses Bild zu kippen.

Und Abgründe tun sich auf.

Paul, eben noch der 0815-Normalo, als den er sich gern sieht, mutiert zu etwas, das mich fassungslos an den Seiten kleben lies.

Dann gibt es noch die Ehefrauen. Clair (Pauls Ehefrau) war die Person die mich am allermeisten, mit ihrer Art, schockiert hat.

Die Kinder. Zuallerst fragt man sich natürlich, wie es dazu kommt, das Kinder aus gutem Hause so etwas tun.
Es kommt einem vollkommen abwägig vor, dass ein hübscher, intelligenter Junge aus heiterem Himmel, so eine Tat begeht. (Warum eigentlich?)

Aber je tiefer man in die Figuren eindringt, desto klarer, wird der Weg, den sie genommen haben.

Fazit:

Angerichtet ist ein Buch, das einem, auch wenn man es beendet hat, nicht so leicht loslässt.

Immer wieder muss man sich fragen:

Was wenn es mein Kind/Freund/Ehemann wäre. Was würde ich tun? Würde ich handeln wie Paul? Wie Claire? Wie Serge?

Was ist richtig und gibt es überhaupt ein richtig?

Und das sind Gedanken, die man nicht zu Ende denken kann, ohne dass einem ein eiskalter Schauder überkommt.

Der Autor zeigt, wie Gewalt den Menschen verändert. Wie Menschen mit Gewalt umgehen, wie Gewalt plötzlich ein Teil des Lebens wird.

Das die bedingungslose Liebe von Eltern, auch manchmal Blüten treibt, die einem fassungslos noch ein Kapitel lesen lassen, einfach weil man wissen will, wie es ausgeht.

Die Frage: Was würde ich tun?

Muss man sich alle zehn Seiten neu stellen.
Symathien verschieben sich und plötzlich kommt alles zum Ende und man ist sprach- und fassungslos.

Zumindest war ich sprach- und fassungslos!

Angerichtet, ist kein Buch, dass sich mit einem Wort beschreiben lässt. Es ist nicht toll (wie kann so etwas toll sein), es ist nicht auf klassische Weise spannend (eher auf psychologische) es ist kein Reißer bei dem man zerstückelte Leichen schon im Prolog zu Hauf präsentiert bekommt.

Gewalt ist hier keine plakative "Serienkillergewalt" in der ein Opfer mit Genuss auf zehn Seiten filitiert wird. Gewalt ist keine "Stirb-Langsam-Gewalt". Kein Abrollen im Kugelhagel, keine brennenden Industrie-Lagerhallen, kein bellendes Mündungsfeuer und danach noch einen markigen Spruch auf den Lippen.

Es ist die Gewalt des Altags. Schmucklos. Schrecklich und banal zugleich.

Seit "Schloss aus Glas", hat mich kein Buch so sehr schockiert.

Leseempfehlung?
Aber absolut!



----- Cover und Klappentext von der Seite des KiWi-Verlags entnommenn ----









Kommentare

  1. *Wunschliste*
    Mein Kindle soll schließlich auch mal was Anderes zu Gesicht bekommen.

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