[Buchgeschichten] - Kauf mir ein Kinderbuch


 Man kann es schon von weitem hören. 
So ein undefinierbares Geschrei, es klingt als würde man einer Katze bei lebendigem Leib das Fell mit einem stumpfen Messer abziehen. 
"Das ist ein Kind", sagt meine Freundin in ihrer "ich hasse Kinder"-Stimme und zerrt mich in die hinterste Ecke unserer Stammbuchhandlung. 
Dort verbringen wir gut und gerne eine Viertelstunde damit, reduzierte DVD-Restposten zu durchforsten. 
Das Geschrei hält derweil an und nähert sich unaufhaltsam der Treppe. Großartig!
Es treten auf: Eine Mutter die genervt dreinschauend, stur geradeaus stapft und ihr Kind.
Nennen wir das Goldstück mal Leon. Alle nervenden, kleinen Quälgeister heißen heutzutage Leon.

Dieses besondere Exemplar ist ungefähr sechs Jahre alt, und der dunkelblauen Färbung seines Gesichts ist zu entnehmen, dass der Nikolaus sich den Flug zu seinem Schornstein dieses Jahr wohl sparen kann. Der Kleine hängt mit seinen geschätzten 17 Kilo Lebendgewicht am Mantelsaum seiner Mutter.
Kaum haben sie das Ende der Treppe erreicht, geben Leons Knie demonstrativ nach. Er will mit aller Gewalt die ihm zur Verfügung steht verhindern, dass seine Mutter die Kasse erreicht. Nutzt natürlich gar nichts.
Frau Mama trabt weiter, und schert sich wenig darum, dass ihr Filius mitgeschleift wird und dabei mit seinen ergonomisch geformten Bio-Tretern den halben Zeitschriftenbestand abräumt, dabei wird natürlich wieder gebrüllt, was das Zeug hält.
„Komm wir gehen zur Kasse“. Klasse Timing von meiner Freundin, aber sie hat gerade das neue Buch ihres Lieblingsautors ergattert und presst es fest an sich. Sie zu überreden das Buch über Amazon zu bestellen oder nächste Woche zu kaufen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ich müsste es schon aus ihren kalten, toten Fingern reißen. Sie ist meine beste Freundin, und das muss sie auch sein. Denn ich weiß, was da gleich auf uns zukommt, und das halte ich echt nicht für jeden aus!
Es ist Samstag und wie das an Samstagen so üblich ist, hat genau eine von fünf Kassen geöffnet.
Und weil ich scheinbar bei irgendwas echt viele miese Karma-Punkte gesammelt hab, steht Mutti und Sohnemann genau vor uns in der Schlange.
Leon dem natürlich immer noch die geistige Reife fehlt ein „Nein“ als solches zu akzeptieren, brüllt in einer Lautstärke die gut mit einem startenden Düsenjet konkurrieren könnte:
„Kauf mir ein Kinderbuch!“
Und das sagt nochmal wer, die Jugend von heute würde nicht lesen.
Also ich könnte ja wirklich darauf wetten, dass Mutti oben schon politisch korrekt ein „Nein Leon“ vom Stapel gelassen hat, was natürlich nicht gefruchtet hat. Jetzt hat sie ihn mental auf die „stille Treppe“ gesetzt.
„Kauf mir ein Kinderbuch. Kauf mir ein Kinderbuch! Kauf mir ein Kinderbuch!“
Jedes Mal wird diese Bitte eine Oktave höher und ungefähr zehn Dezibel lauter vorgetragen. Irgendwann verschluckt sich Leon, würgt kurz und verlegt sich dann erneut nur noch aufs Brüllen. Dabei sitzt er auf dem Boden und trommelt mit seinen Fäusten rhythmisch auf das Linoleum.  
„Ich werde gleich jemand tööööööööhöööööööten“, singt meine Freundin mir ins Ohr. Und ich gebe ihr da Recht. Die Leute fangen an sich umzudrehen, einige schütteln den Kopf. Die Mutter starrt weiter stur geradeaus. Wahrscheinlich in der Hoffnung Leon würde von selbst die Luft ausgehen, oder dass er wegen dem Sauerstoffmangel irgendwann einfach in Ohnmacht fällt und sie ihn benommen raustragen kann.
Das tritt natürlich nicht ein.
Der Junge rappelt sich auf, torkelt ein paar Schritte zurück. Klar Sauerstoffmangel in wichtigen Hirnregionen kann zu Schwindel und Desorientiertheit führen.
Ich denke noch: Was macht der Knilch denn jetzt?
Da nimmt der kleine Scheißer Anflauf und tritt seiner Mutter voll eins vors Schienbein.
Bam!
„Kauf! Mir! Ein! Kin! Der! Buch!“ Jede Silbe wird mit einem weiteren Tritt unterlegt.
Kurz erinnere ich mich an meine Kindheit, da wo ein „Nein“ ein nein war. Es war für mich nie die Grundlage hitziger Diskussionen, oder solcher Gewaltausbrüche. Hätte ich meiner Mutter sieben Mal vors Schienbein getreten, ich geh mal so weit zu sagen: Da  hätte der Arsch aber nicht grundlos Geburtstag  gehabt.
(Nicht das meine Eltern mich jemals windelweich geprügelt hätten. Oft reichte ein strenger Blick von meinem Vater und das Wort „Fräulein“ + erhobener Zeigefinger und meine angeborene Scham vor Zurechtweißung erstickte jedes weitere Argument)
Leons Mutter ist ein ganz anderes Kaliber, als meine Eltern. Sie markiert weiterhin die biblische Salzsäule. Wie Lots Weib steht sie da und tut gar nichts, während Leon sich an ihren nagelneuen Tamaris-Stiefeln abreagiert.
„Also wirklich“
Das kam jetzt von der alten Dame hinter mir, die schockiert den Kopf schüttelt. Das Gemurmel in der Schlange schwillt an.
„Moderne Erziehung“, sage ich mit einem bissigen Unterton und endlich bequemt sich Supermami auch mal zu einer Aktion. Sie kniet sich hin und setzt einen dieser Tipps von der Super-Nany um.
Vernünftig mit dem Kind auf Augenhöhe diskutieren.
„Leon. Lass uns mal darüber reden: Ich habe dir erklärt, warum es heute kein Buch gibt, oder?“
„Ich will das Kinderbuch!“
„Ich habe nein gesagt“. Das nein betont sie dabei ganz besonders. „Ich habe dir erklärt warum nicht. Wir sind nur hier um für Onkel Klaus eine Karte zu kaufen. Es war nicht vorgesehen, dass du heute ein Buch bekommst“.
Und was wolltet ihr dann in der Kinderbuchabteilung, wo es die Karten doch hier unten gibt. Fast. Ich kann mich grade noch bremsen, sonst hätt ich das grade eben laut gesagt.
„Du kannst es dir ja zu Weihnachten wünschen“.
„Ich will das Kinderbuch!“ Und dann tritt er wieder zu. Weitere fünf bis zehnmal. Die Mutter stöhnt steht auf und lässt ihn einfach weiter machen. Denn sie ist endlich dran.
Die Verkäuferin starrt das Kind an, als wäre es eine monströse Ausgeburt der Hölle.
Wieso sage ich es wäre …
Und wieder das Gebrüll: „Kauf mir ein Kinderbuch! Jetzt! Kauf mir ein Kinderbuch! Jetzt!“
Meine Uhr sagt mir, ich habe zehn Minuten in dieser Schlange gestanden. In mir steigt der Drang Leon einfach selbst zu treten. Nur damit er mal sieht, wie das so ist. Vielleicht ist dann Ruhe? Mehr Geschrei geht ja de facto schon gar nicht mehr.
Die Mutter zahlt und schleift Leon, der sich wieder an ihren Mantel krallt, hinter sich aus dem Geschäft. Die einsetzende Ruhe sobald die Tür sich hinter den beiden geschlossen hat ist einfach himmlisch. Kinder in Buchhandlungen können wirklich ätzend sein. Und diese Ignore-Mütter nerven mich auch.
Wichtig ist nur eins:
Meine Freundin bekommt ihr Buch, ich kann nur hoffen, es ist das Beste, das sie je gelesen hat. Wehe wenn nicht, so wie wir dafür gelitten haben …

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