[Rezi] in einem Boot

Ich mag keine Katastrophenszenarien.
Sobald mein Mann Volcano, oder 2012 oder (ganz schlimm) Daylight schaut, bekomm ich entweder Fluchtgedanken oder Anfälle. Ich mag keine Katastrophenfilme, das rührt irgendwie zu sehr an meinen Urängsten, dass die Natur uns einfach auslöscht, wenn sie Lust und Laune dazu hat.

Und als ich den neuen Titel aus dem Script5 Verlag gesehen hab, dachte ich: Jetzt ist es Zeit dich deinen Ängsten zu stellen, Schätzchen!

Ja, du machst nächstes Jahr eine Kreuzfahrt. Ja, kann sein, dass es schlechtes Mojo ist. Aber lies es trotzdem. Die Rede ist von diesem Buch hier:


von Charlotte Rogan
Script5 Verlag
336 Seiten
ISBN: 978-3-8390-0150-9 
18.95 €

Inhalt: 

Damit die einen überleben, müssen die anderen sterben.

Grace ist frisch verheiratet mit Henry Winter, einem jungen Mann aus reichem Hause, als sie sich am Vorabend des ersten Weltkriegs auf der Zarin Alexandra einschifft. Doch nach einer mysteriösen Explosion sinkt der Ozeandampfer, und Henry erkauft seiner Frau einen Platz in einem Rettungsboot.
Den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert, treibt das überladene Boot wochenlang auf offener See. In einer Atmosphäre aus Misstrauen und unterdrückter Aggression stellen sich existentielle Fragen.

Sollen die Stärkeren sich opfern, damit die Schwächeren überleben können? Oder besser umgekehrt? Wer darf das entscheiden? Und sitzt Grace überhaupt zu Recht in diesem Boot?
Grace überlebt die Katastrophe, findet sich aber Wochen später vor einem Gericht in New York wieder. Die Anklage lautet auf Mord.

 Meinung:

Getreu dem Motto: Brace yourself ... shipwreck is coming. Hab ich angefangen zu lesen. 
Wie oben schon erwähnt: Mich machen Katastrophen irgendwie wuschig und ich war darauf vorbeireitet mich dagegen zu stählen. Augen zu und durch. 

Das Buch beginnt mit der Anklageerhebung gegen Grace Winter, einer Überlebenden des Untergangs der Zarin Alexandra, die 21 Tage auf einem Rettungsboot verbracht hat. Die Anklage lautet auf Mord, ihre Anwälte wollen auf unzurechnungsfähig plädieren und bitten Grace ihre Erinnerungen in Tagebuchform festzuhalten. 

Was diese auch tut, denn ein Großteil des Buches nehmen diese Tagebucheinträge ein. Meistens mit "erster Tag" usw. beschriftet. 

Man steigt schnell ein, schneller als ich erwartet hätte. Kaum fängt Grace an zu schreiben, ist man auch schon in dem Rettungsboot, mitten im Chaos des Untergangs. Graces Boot kämpft sich durch die Wrackteile und wir lernen nach und nach die meisten der 31 Personen im Boot kennen. 

Tage vergehen ohne das Rettung in Sicht ist. Essen und Wasser werden knapp, das Boot ist zu schwer beladen und es geht das Gerücht um, dass Grace zu Unrecht in diesem Boot sitzt. Während dieser 21 Tage spitzt sich die Lage immer weiter zu. Menschen müssen über Bord gehen, um das Gewicht zu verringern und so zu garantieren, dass die anderen den nächsten Sturm überleben. Gerüchte machen in der kleinen Gruppe die Runde und jedes Fitzelchen Information über die Zarin Alexandra und ihren Untergang wird gedreht, gewendet und diskutiert. In dem Sinne ist "in einem Boot" ein gutes Buch. Es zeigt, was Menschen tun, wenn ihnen nichts mehr bleibt. Sie zerfleischen sich gegenseitig, ob mit Worten oder Taten. Es zeigt, was passiert, wenn die Leute aufhören höflich zu sein, und anfangen ihre Masken der Zivilisation abzustreifen. Wir sind wilde Bestien, das zeigt dieses Buch sehr schön. 

Wie gesagt in diesem Punkt war "in einem Boot" ein sehr gutes Buch. 
In vielen anderen Punkten nicht. Das lag vorallem an Grace selbst. Hatte ich am Anfang noch Mitleid mit ihr, wegen dem Untergang, dem Schock, der Tatsache das ihr Mann augenscheinlich tot ist usw. hab ich im Laufe des Buches einen regelrechten Hass auf sie entwickelt. 

Sie ist einfach so ... so ... berechnend und egoistisch. Und ich rede hier fast ausschließlich von ihrer Backstory. Ich hab das gelesen und einen Hass auf sie gekriegt. Ich weiß gar nicht warum, ich hab auch schon Bücher gelesen in denen die Prota genau das Selbe getan hat wie Grace, aber Grace war mir einfach unsymphatisch. Ich wusste sie wird überleben ... ein Umstand der mir immer weniger gefallen hat. 

Ein weiterer Kritikbuch ist die Tagebuchform. 
Grace überlebt. Das wissen wir. 
Sie hat beim Schreiben dieses Tagebuchs den gesamten Überblick auf alles was passiert ist. Und genauso liest es sich auch. 
Menschen sterben, grausame Entscheidungen werden getroffen, aber Grace schreibt einen Bericht darüber. Und genau das ist es auch. Ein Bericht. Selten hat mich der grausame Tod mehrerer Menschen so kalt gelassen wie bei "in einem Boot". 

Ja vielleicht ist man nach so einer Erfahrung einfach so abgestumpft, dass man in seinem Bericht nur das Mindestmaß an Empathie aufbringen kann. Aber mir als Leser haben irgendwie die Emotionen gefehlt. Oder zumindest das ich mit ein paar dieser Leute Mitleiden konnte, die meisten der immerhin 31 Insassen waren blass und farblos. Die die ich mir am besten merken konnte, starben zu früh. Die Übrigen waren mir unsymphatisch. 

Unterm Strich und als Fazit kann ich sagen: 
"in einem Boot" ist ein Buch über Menschen in Extremsituationen. Die Autorin schont weder uns, noch ihre Figuren, aber durch die Berichtsform kommen sehr wenig Emotionen rüber. Zumindest hab ich das so empfunden. Grace ist eine der unsymphatischsten Protagonistinnen die mir seit langem untergekommen ist.

Wer also Lust hat ein gut recherchiertes Buch über einen Schiffbruch und das menschliche Verhalten in Extremsituationen zu lesen ist hier gut bedient. Er darf eben nur keine emotionale Tiefe erwarten.

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