[Rezension] Shylocks Tochter

von Mirjam Pressler
Beltz und Gelberg
272 S. 
ISBN: 9783570210420
16.90€ gebunden
15.99 € E-Book

Inhalt: 


Jessica ist sechzehn Jahre alt und lebt mit ihrem Vater im neuen jüdischen Ghetto von Venedig. Für sie ist das Ghetto jedoch weniger Schutz denn Gefängnis. Sie nutzt jede Gelegenheit, um ihre Freundinnen außerhalb zu besuchen, denn die bescheidene, oftmals in ihren Augen geizige Lebensweise ihres Vaters Shylock, einem Pfandleiher, stößt sie ab. "Hätte Gott gewollt, daß wir grau herumlaufen, hätte er uns ein Fell wachsen lassen, wie den Mäusen."

Jessica verliebt sich bis über beide Ohren in den Christen Lorenzo, läßt sich taufen und heiratet ihn. Sie weiß, daß sie damit alle Brücken zu ihrem jüdischen Elternhaus abbricht, doch das Glück findet sie an Lorenzos Seite nicht. Tief in ihrem Herzen bleibt sie das jüdische Mädchen aus dem Ghetto, auch wenn die Paläste, in denen sie verkehrt, noch so prunkvoll sind.

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Meinung:

Retellings.
Normalerweise nicht meine Sache, aber bei Shakespeare mache ich immer gern eine Ausnahme. Vorallem, wenn es um mein Lieblingsstück, der Kaufmann von Venedig, geht. Vor zwei Jahren habe ich "The tourquise Ring" gelesen und fand das Buch, mit ein paar Abstrichen, sehr gut. Seitdem stand auch Shylocks Tochter auf meiner WULI. Um so glücklicher war ich, als ich es bei Skoobe in der Bibliothek entdeckt habe!

Meine Erinnerung an die Lagunenstadt ist ja noch frisch, also nichts wie rein ins Buch und zurück nach Venedig!

Nach den ersten 50 Seiten, in denen auch Nichtkenner des Stoffs an das Thema herangeführt werden, wurde mir klar, dass das ein harter Kampf wird. Mirjam Pressler begeht sozusagen die Ursünde aller Autoren ... sie langweilt mich. Ja, es ist die Nacherzählung eines Shakespearestoffes und nein, ich erwarte keine Verfolgungsjagden, Explosionen und dergleichen. Aber die Handlung tritt einfach so dermaßen auf der Stelle, dass man ganze Kapitel hätte einfach rausstreichen können. Ein Kapitel (ich glaube es war das Dritte) wird aus der Sicht einer Nebenfigur erzählt. Es sind 20 endlose Seiten darüber, wie diese Figur zwei Hühner ausnimmt und was sie über Jessica und ihre eigene Lebenssituation denkt. Selbstreflexion und Infodump. 20 endlose Seiten lang.

Der nächste Punkt ist auch nicht einfach. Mirjam Pressler hat recherchiert. Sie hat gut recherchiert, sie hat gründlich recherchiert. Sie weiß praktisch alles, über das jüdische Leben im venezianischen Ghetto. Und wenn ich sage alles, dann meine ich alles. Alles mit Ausrufezeichen.
Historische Romane haben per se, die schwierige Aufgabe, einem Leser (der vielleicht nichts über die Epoche weiß) eine vergangene Zeit näher zu bringen. Es gibt Bücher, die das gut hinbekommen und es gibt Bücher die das nicht so gut hinbekommen und es gibt ... wie ich sie nenne ... die Recherchepornos.

Recherchepornos sind solche Bücher, in denen man einfach merkt, ja der Autor hat recherchiert und er hat das so gut und so gründlich gemacht und so viel Zeit reingesteckt ... es soll sich richtig lohnen! Recherche kostet Zeit. Recherche nervt. Recherche ist aufwendig.
Also soll der Leser verdammt nochmal merken, dass ich recherchiert habe und deshalb bekommt er jetzt die geballte Ladung von mir.

Ich bin kein großer Freund solcher Bücher.
Ich bevorzuge Werke, in denen Fachbegrifflichkeiten, historische Ereignisse und Begebenheiten durch das Verhalten und die Aktion des jeweiligen Protagonisten erklärt werden. Show dont tell in Reinformat.
Frau Pressler arbeitet mit einem Glossar.
Gerade bei einem Jugendbuch wichtig. Allerdings ist es hier einfach ausgeartet.
Fast auf jeder Seite steht mindestens ein jüdischer Fachbegriff, mit Sternchen versehen ... zum nachschlagen. Manchmal ist es ein wahrer Sternenregen. In einem Satz hintereinander vier Fachbegriffe, die erst mühsam nachgeschlagen werden müssen. Bei einem E-Book ist das praktisch gar nicht umsetzbar, ohne viel Zeit zu verschwenden.

Entweder man hat bereits ein fundiertes Fachwissen über die jüdische Kultur oder es bleiben einem nur zwei weitere Möglichkeiten: a) mindestens viermal pro Kapitel abbrechen und nachschlagen oder b) drüberlesen und vieles einfach nicht verstehen.
 Für ein Jugendbuch ... ist das schon sehr kompliziert.
Manche Fachbegriffe werden auch einfach gar nicht erklärt. Ich bezweifle stark, dass der Otto-normal Jugendliche weiß, dass mit Serenissima Venedig gemeint ist.

Wenn man von dieser Sache einmal absieht, bleibt eine aufgeblähte Story, die man gut und gern um die Hälfte hätte kürzen können. Noch dazu ist Jessica einfach ein fürchterlicher Charakter. Natürlich glänzt in der Kaufmann von Venedig vorallem Shylock, denn seien wir ehrlich ... Jessica ist einfach ein dummes Ding. Zwar ist sie das Musterbeispiel für "falsche Freunde verleiten dich zu dummen Dingen, die du lieber lassen solltest" und "es kommt nicht darauf an, was für Klamotten du trägst" und sie kann schon ein Beispiel für Jugendliche  sein ... aber eigentlich nervt sie nur.

Der Plot ist durch Shakespeare ja schon vorgegeben und da gibt es wenig Überraschungen.
Fast unfreiwillig komisch ist es, wenn die Autorin den Figuren Textzeilen aus dem Stück in den Mund legt. Zum Beispiel Shylocks berühmte Rede ... nur leider zu falscher Zeit und vor der falschen Person.

Für die, die sie nicht kennen ... ich meine die hier:




Whoa Al Pacino ... immer wenn ich den Film sehe bekomm ich Gänsehaut, da könnte man gut und gerne Grana Padano drauf hobeln.

Fazit:

Shylocks Tochter interpretiert mein Lieblings-Shakespeare-Stück. Allerdings konnte es mich nicht fesseln, weil die Autoren zu sehr damit beschäftigt ist ihr Fachwissen unter die Leute zu streuen, anstatt eine ordentliche Geschichte aus dem Stoff zu machen.

So bleibt eigentlich nur zu sagen, dass ich das Buch nicht weiterempfehlen kann, was mich verdammt traurig macht, eben weil ich den Kaufmann von Venedig mit meinem ganzen Herzen liebe.

2.5/5 Sternen

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