[Rezension] Berlin Feuerland

von Titus Müller
Blessing Verlag
480 S. 
ISBN: 9783896675033
19.99€
Inhalt
 
Hannes Böhm lebt in dem Industrieviertel, das die Berliner Feuerland nennen, weil hier die Schornsteine der Industrie qualmen. Als eine Art selbst ernannter Fremdenführer verdient er sich ein kleines Zubrot, indem er neugierigen Bürgern die Armut und die Not in den Hinterhäusern zeigt. Bei einer solchen Gelegenheit lernt er Alice kennen, die als Tochter des Kastellans im Berliner Stadtschloss wohnt, der Frühlingsresidenz des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Alice ist schockiert über das Ausmaß der Verelendung – und zugleich tief beeindruckt von Hannes, der voller Ehrgeiz und Fantasie zu sein scheint.

Doch als die Märzunruhen 1848 ausbrechen, als sich der Konflikt zwischen dem preußischen König und den Aufständischen zuspitzt und gemäßigte Kräfte nur schwer Gehör finden, scheint es für die Gefühle, die Hannes und Alice füreinander entwickeln, keine Zukunft mehr zu geben.

 
Meinung: 
 Auf das Buch bin ich rein zufällig beim herumschnausen bei Skoobe gestoßen. Titus Müller und ich hatten schon mal ein Tänzchen bei "der Kuss der Feindes" und ehrlich? Es war gut, aber nicht ganz so pralle. Berlin Feuerland dagegen klang wie etwas, das ich lesen wollte und ich machte mich frisch ans Werk. 

Insgesamt hat mir Berlin Feuerland gut gefallen. 
Titus Müller hat bei der Recherche einen fantastischen Job gemacht. Er hat mich auf Seite eins abgeholt, mich ins Berlin des 19. Jahrhunderts gefahren und mich hinterher auch wieder nach Hause gebracht. Ich mochte den Detailreichtum in dem Buch. Ich mag es eben, wenn das Buch voll mit kleinen oder großen Anekdoten ist, wenn der Autor mich die berühmten Menschen ihrer Zeit treffen lässt und mir einen neuen Blickwinkel auf bekannte Ereignisse gibt. 
Ein großes Lob für die Recherche. 

Ich mochte das Thema und ich mochte die Recherche an dem Buch. 
Bleiben noch Geschichte und Charaktere und da bin ich etwas zwiegespalten. Ja, ich mochte das Buch, allerdings mit kleinen Abstrichen. 

Unsere Hauptprotagonisten sind Hannes und Alice. 
Hannes ein Junge aus dem Feuerland verdient sein Geld damit, reiche Damen durch seinen Slum zu führen, aber er hat einen Plan. Er will aufsteigen. Raus aus der Armut und jemand sein. 

Alice ist die Tochter des Kastelans, sie wächst in relativen Reichtum auf, hat ihr Herz - dummerweise - an einen adligen Offizier verloren und begleitet zu Beginn ihre Freundinnen ins Feuerland. Dort trifft sie auf Hannes und bald weiß sie selbst nicht mehr so recht, was sie will. Ein ruhiges Leben an der Seite eines Offiziers oder ein Leben mit Hannes. 
Dann bricht in Berlin die Revolution aus und nichts ist mehr, wie zuvor. 

Zu Beginn mochte ich Alice. Ja, sie war die typische reiche Tochter, die das schlechte Gewissen packt, kaum hat sie einmal das Elend mit eigenen Augen gesehen. Natürlich ist sie nicht auf den Mund gefallen, klug und abenteuerlustig, aber sie ist auch ein typischer Teenager der ihrem ersten Schwarm hinterherrennt, obwohl der Leser sofort weiß, dass der nix für sie ist. 
   
Auch Hannes war keine große Überraschung, was den Charakter anging. Er will hoch hinaus und steht der Revolution zunächst kritisch gegenüber. 
 Er und Alice bilden ein "ungleiches Paar" und am Anfang mochte ich dieses Eastend Boys & Westend Girls Ding sehr. 

Doch, als das Buch sich langsam der Mitte näherte, rutschte der Plot mehr und mehr in den Sozialkitsch ab. Und ja, ich mag das nicht. Das ist jetzt wieder eine ganz persönliche Sache, aber ehrlich, ich rolle immer mit den Augen, wenn ich mir Seiten um Seiten anhören muss, wie eine reiche Tochter über die Armut Volkes schwadroniert. Sowas wie "Ich bin hier in der Oper. Das arme typhuskranke Mädchen, wird nie wieder Musik hören. Oder sie jemals einen Platz hier leisten können." Ich weiß, dass der Autor uns damit zum nachdenken anregen will, aber das zieht bei mir nie. Der Plot spitzte sich immer weiter zu und ja, ich hab das Buch gerne gelesen, aber es war mir insgesamt einfach zu viel Kitsch. 

Mir persönliche hat die Storyline von Julius von Minutoli - dem Polizeipräsidenten von Berlin - am besten gefallen. Er versucht nämlich einem Waffenschieber auf die Spur zu kommen und so schlimmeres zu verhindern. Seine Kapitel fand ich wesentlich spannender, actionreicher und ja ... erwachsener, als die von Alice und Hannes. 

Fazit: 

Berlin Feuerland war ein gutes Buch, zu einem interessanten Thema. 
Titus Müller hat hervorragend recherchiert und mich komplett ins Berlin des 19. Jahrhunderts mitgenommen. Allerdings war es für meine Verhältnisse ein bisschen zu viel Sozialktisch

4/5 Sternen.  

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